Text AG Nahtstrumpf Leipzig

 

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Der Strumpf rückt ins Blickfeld:
Der Trend zum transparenten und glatten Damenstrumpf begann nach dem ersten Weltkrieg. Waren die Strümpfe bis dahin in allerlei Formen gemustert und verziert, hatten die Strümpfe nun transparent und schlicht zu sein. Die radikalen Veränderungen der Damenmode der 20er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts förderten die Erhebung des Damenstrumpfes zum Modeartikel. Ein neues Selbstbewußtsein der Frauen, im ersten Weltkrieg durch zahlreiche Variationen von Arbeitsdiensten und andere Kriegsbelastungen geformt, ließ die Rocklängen immer weiter schwinden. Der Wettlauf um immer feinere Fasern brachte zuerst die Kunstseidenstrümpfe, dann schließlich den Nylon-/ Perlonstrumpf an die Beine der Frauen.
Sachsen profitierte überproportional vom Strumpfboom in den 20er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 75% der Weltstrumpfproduktion kamen in dieser Zeit aus dem Erzgebirge.

Damenstrümpfe aus echter Seide waren für die meisten Frauen zu Anfang des 20. Jh. einfach unerschwinglich. Ein Massenprodukt verlangte nach neuen Materialien.

Kunstseide:
Strümpfe aus Kunstseide, wie sie seit 1912 (zuerst in England) bekannt waren, konnten die Frauenwelt in ihren Eigenschaften nicht vollkommen zufrieden stellen. Vor allem betraf das die Feinheit der Garne, die Paßform, die Transparenz, den starken Glanz und das Problem der Wasserflecken. Die in dieser Zeit als Material Verwendung findende Kunstseide war kein vollsynthetisches Produkt, sondern ein abgewandeltes Naturprodukt. Natürliche Zellulose wurde durch Auflösung der Wasserstoffbrücken der Makromoleküle zum Ausgangsstoff für die Kunstseide.

Nylon:
In den Laboratorien wurde also emsig weitergeforscht, um andere, synthetische Fasermaterialien zu entwickeln.
Dem amerikanischen Chemiker W.H.Carothers, der für DuPont tätig war, konnte 1937 seiner Firma nach 10- jähriger Forschungsarbeit einen neuen Chemiefaserstoff präsentieren. Sein Name Nylon. Es war der erste vollsynthetische Faserstoff der Welt. In einer Synthese aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure gewonnen.

DuPont stellte im Jahr 1938 ihre neue synthetische Faser Nylon unter dem Werbespruch "Ein besserer Faden für ein besseres Leben" vor. Die Welt war begeistert, Nylon wurde als Aufbruch in ein neues Zeitalter gefeiert. Nylon machte ihn nun möglich, den äußerst transparenten Damenstrumpf, profitabel herstellbar in industrieller Massenprduktion.
In den USA konnte im Jahr 1939 die erste Fabrik zur Produktion von Nylon ihren Betrieb aufnehmen. Bald darauf begann die Produktion von Feinstrümpfen aus Nylongarn. Im Oktober des Jahres 1939 führte DuPont einen Testverkauf von Strümpfen aus Nylon durch. Eigens dafür lies die Firma 4000 Paar Strümpfe wirken. Der Testverkauf hatte durchschlagenden Erfolg. Man begann, die Markteinführung der Nylons zu inszenieren. Durch eine groß angelegte Werbekampange wurde die Markteinführung des Strumpfes aus Nylongarn vorbereitet.
Am 15. Mai 1940 erlebte Amerika den offiziellen Verkaufsstart für Strümpfe aus Nylon. Der erste Verkaufstag war ein voller Erfolg. Von diesem Tag an erlebte der Nylonstrumpf einen Siegeszug. Zwei Millionen Paar Nylonstrümpfe wurden für den Verkaufsstart produziert. Innerhalb von vier Tagen waren diese vier Millionen Strümpfe restlos ausverkauft. Dies, obwohl ein Paar aus dieser Produktion für damalige Verhältnisse unglaubliche 250 Dollar kostete. Nur der II. Weltkrieg unterbrach den Triumphzug des Nylonstrumpfes, da die gesamte Produktion von Nylongarn für militärische Zwecke verwendet wurde. Statt Nylons wurden aus der Chemiefaser Fallschirme, Seile oder Zelte.

Perlon:
Auch in Deutschland bei I.G. Farben suchten Forscher nach einem neuen Chemiefaserstoff. Am 29. Januar 1938 war Professor Paul Schlack in einem Labor der I.G. Farben in Berlin-Lichtenberg am Ziel. Aus Caprolactam und Aminocapronsäure entstand das Polyamid Perlon, welches nun als Reichspatent 748253 angemeldet wurde.
Von da an ging es schnell- ab 1940 wurde u.a. auf dem Gelände der I.G. Farben-Werke Leuna eine Caprolactamfabrik (Gebäudenummer 979) errichtet, die den Grundstoff mit dem damaligen Handelsnamen "LURAN" produzierte.
Das erste Erzeugnis, das aus Perlon gefertigt über die Ladentheken gereicht wurde, waren jedoch keine Damenstrümpfe, sondern Perluran-Borsten.

Das erste Perlongarn gewann man im Jahr 1938 durch das Stabschmelzverfahren.
Ein gegossener Perlonstab (d=15-30mm, l= 300-500mm) wurde mit konstanter Geschwindigkeit senkrecht durch einen beheizten Zylinder gepreßt, an dessen Ende sich eine Spinndüse befand. Innerhalb des Zylinders erfolgte das Aufschmelzen des Perlons.
Das noch nicht aufgeschmolzenen Stabstück diente als Stempel für den Druckaufbau innerhalb der Schmelze, welche dann durch die Spinndüse gepreßt wurde.

Der erste Damenstrumpf aus Perlon wurde bereits 1938 bei Bahner im Erzgebirge hergstellt. In die Geschäfte kam der Perlonstrumpf jedoch vorerst nicht.
Der Anfang des 2. Weltkrieges ließ auch die Verantwortlichen der Wehrmacht ins Schwärmen für die neue Faser kommen. Statt feiner Beinbekleidung für Frauen wurde aus Perlon nun Falschirmkappen, Zelte, Seile usw. gefertigt.

Nylon= Polyamid 6.6, Perlon= Polyamid 6

Kriegsende & Scheideweg:
Seit 1940 also begeistern die Nylons am Bein die Welt.
Nach dem Ende des Krieges gab es in Deutschland ein Problem. Die gesamte Feinstrumpfindustrie war hier in Sachsen konzentriert. Bis auf fünf Cottonmaschinen standen alle zur Herstellung der Damenfeinstrümpfe notwendigen Maschinen im Erzgebirge. Zwar wurden die Strumpfwirksäle meist zur Produktion von Rüstungsgütern genutzt, doch die eingelagerten Cottonmaschinen waren schnell wieder aufgestellt.
Die UdSSR verlangte Reparationsleitungen, die Genossen fanden Geschmack an feinen Damenstrümpfen und so mußten allein im erzgebirgischen Auerbach 109 Cottonmaschinen1 ihre Reise in die Sowjetunion antreten. Damit nicht genug, die Strumpfproduktion, die langsam wieder in Gang kam, mußte zum überwiegenden Teil wiederrum in die UdSSR geliefert werden.
In der Ostzone war man sich natürlich der Monopolstellung in der Strumpfherstellung bewußt. Der Wirtschaftsminsiter von Sachsen- Fritz Selbmann (auch Schriftsteller!) sagte 1947 "Die Frauen in den Westzonen werden solange barfuß gehen, bis ihre Männer uns Edelstahl und Hüttenkoks liefern."2
Wir erinnern uns, die Ostzonen hatten keine Schwerindustrie und so bestand ein Mangel in der Stahlversorgung, und Stahl wurde dringend für den Wiederaufbau benötigt.

Auch die auf die den Bau von Cottonmaschinen spezialisierten Maschinenbauer befanden sich hier in Mitteldeutschland. Somit taten diese Verhältnisse ihr üriges dazu, daß der Damenstrumpf ein äußerst rares Produkt wurde. Ein reger Schmuggel von Feinstrümpfen in die Westzonen entwickelte sich in den Nachkriegsjahren. Noch heute erzählen unsere Großeltern vom Tauschgeschäft Nylons gegen Nahrungsmittel. Auf dem Schwarzmarkt handelte man Nylonstrümpfe mit 200 Reichsmark.
In den Westzonen galten Nylons als "Bettkantenwährung".

Die Strumpfindustrie in Sachsen wurde verstaatlicht und mit der Verstaatlichung zogen viele Farikanten samt Fachleuten in die Westzonen. In Ost wie West blüht zunächst die Strumpfindustrie und ab 1952 waren die neu aufgebauten Fabriken in den Westzonen in der Lage, den Bedarf in den westlichen Zonen zu decken.
Der Strumpf wird mit dem Übergang zur Rundstrickware zum Massenprodukt. Der nahtlose Strumpf verdrängt den Nahtstrumpf. Bei ESDA in der DDR erfolgte diese Umstellung in den Jahren 1957/ 1958.
Die Strumpfhose tritt Ende der 1960'er Jahre schließlich in den Markt und verdrängt den Strumpf fast vollständig. Die Strumpfhose wird zum Massenprodukt.

Quellen:
1Heimatgeschichte - 550 Jahre Auerbach im Erzgebirge
"Wie ein Strumpf entsteht"

2Publikation der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

Die Entwicklung der mechanischen Strumpfherstellung begann jedoch nicht erst mit der Erfindung der Cottonmaschine durch William Cotton. Der Engländer William Lee baute Ende des 16. Jahrhunderts die erste Wirkmaschine, den Handkullierstuhl aus Holz und Metall. Auf diesem konnte jeweils ein Strumpf maschinell gefertigt werden. Der "Pagetstuhl" erlaubt im 19. Jahrhundert die Herstellung von gleichzeitig drei Strümpfen.

Die Erfindung der Cottonmaschine stellte also nicht den Beginn der mechanischen Strumpffertigung dar. Jedoch aber der großindustriellen Manufaktur, der Sprung von der Fertigung im Wohnzimmer zur Fertigung im Maschinensaal.

Für ausführlichere Informationen über die Strumpfgeschichte/ Technikentwicklung bitte folgenden Link nutzen Deutsches Strumpf Museum.

Unsere Quellen:

© AG Nahtstrumpf Leipzig

 

 

(*Leopold Bloom's Blick wandert zu einer Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite; er betrachtet ihre Bewegungen, mustert die Kleidung... :) ...Stolz: reich: seidene Strümpfe. ... Aufgepaßt jetzt! Aufgepaßt! Seidenblitz, tolle Strümpfe, weiß. Paß auf!

Aus: "Ulysses" James Joyce
(Handlung dieses Werkes spielt am 16.Juni 1904)